Wort zum Tag von Pfarrerin Bia Ritter

Das Rad neu erfinden
Noch immer hat uns die Virusseuche im Griff, vor Ort wie auch weltweit. Es sieht so aus, dass diese Krise andauern wird. Stimmen namhafter Leute mehren sich, die diesen misslichen Umstand für hausgemacht halten. Eine Pandemie bricht nicht grundlos auf die ganze bevölkerte Erde herein. Sie hat vielmehr Ursachen, die wir Menschen zu verantworten haben.
Die Politikberaterin Martina Leibovici-Mühlberger legte in einem Interview im Juli bedenkenswerte Aspekte dar, die jeden Bürger zu einem radikalen Umdenken einladen sollen. Ihre These: Durch unsere Lebensweise hatten wir Menschen einen idealen Nährboden für eine Pandemie bereitet. Unser maßloses Konsumverhalten und das ständige Wirtschaftswachstum haben diesen Kriseneinbruch bedingt. Aufgrund eines Virus´ sei das weltweite System kollabiert. Der Mensch habe seine gesundheitliche Hinfälligkeit außer Acht gelassen. „Die Abläufe unserer Steigerungsgesellschaft töten uns (!)“. Besinnung sei dringend geboten, und zwar grundlegend.
„Das Rad neu erfinden“- geht das denn überhaupt? Nicht wirklich, meinen Geschichtskundige. Seit dreihundert Jahren beschleunigten sich Entwicklungen politischer, technischer und wirtschaftlicher Couleur derart überstürzt, dass man die Zeit nicht zurückdrehen könne bin hin in Zeiten, da „die Welt noch in Ordnung“ war. Von Null anfangen, das sei schlichtweg unmöglich. Besinnung dagegen fordere ein Innehalten und Ergründen der Ursachen für diesen Kollaps.
Die Politberaterin ermuntert nun auch zu einer Neugestaltung der Welt von Grund auf. Sie beschwört eine humanistische Weltrevolution herauf, die Leben und Ü b e rleben von Menschen, der Tier-wie auch Pflanzenwelt ermöglicht. Sie fragt: Welche Werte zählen wirklich nachhaltig? In Europa würden Demokratien angefeindet von Minderheiten, die klare Machtworte von Autokraten und Diktatoren einfordern. Dabei sind w i r B ü r g e r vorrangig der Staat, sei es in Belarus, Polen oder Deutschland. Jeder einzelne kann durch politische Voten beitragen zu Lösungsansätzen, die gewählte PolitikerInnen umsetzen und vor allem hernach kontrollieren sollten. Demokratie bedeutet eben auch, dass die Vielen sich beteiligen durch ihre Meinungsäußerung und Diskussion, auch durch konkrete Eingaben ganzer Verbände an politische Gremien. Man unterschätze das nur ja nicht!
Die andere Schiene führt durchs Privatleben. Bin ich bereit, Konzerne zu meiden, die rein gewinnorientiert wie Raubtiere die Wirtschaftslandschaft benutzen? Werde ich aktiv, um (kleinere) Unternehmen zu stützen, die rentabel und sozial ausgerichtet sind? Habe ich im Blick, dass ich lokale Anbieter von Lebensmitteln ausfindig machen kann, statt Produkte zu erwerben, die einen ökologisch tiefen Fußabdruck hinterlassen (z. B. durch lange Anfahrtswege)? Bin ich bereit, etwa auf ein Zweit- oder gar Drittauto zu verzichten und stattdessen Carsharing realistisch in Betracht zu ziehen?
In meinem persönlichen Lebenswandel muss und kann ich das Rad nicht neu erfinden. Doch wenn ich mein Handeln überdenke und Manches ändere, dann zeigt das in die zukunftsträchtige Richtung. Ich kann auch erwarten, dass andere Leute mit mir einen Dominoeffekt erzielen, indem sie Ähnliches tun. „Viele kleine Leute, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Erde verändern“ (bekannter Ausspruch). Doch sei betont: Politikverdrossenheit adé! Der große Wertewandel muss auf die Politik durchschlagen, gerade durch Aktivitäten jedes einzelnen Bürgers!
Das Rad wurde bekanntlich schon vor Jahrtausenden erfunden. Seit 2000 vor Christus wurde es auch in Europa gängig als Fortbewegungsmittel und Richtungskontrolle. Symbolisch steht es für das menschliche Leben und den Lauf der Geschichte. In großen christlichen Kirchen (z.B. der Kathedrale in Straßburg) leuchten farbig die mittleren Fensterrosetten wie Räder, die den Kosmos abbilden. Manche davon lassen mittig ein Kreuz erkennen zum Zeichen, dass Jesus Christus den gesamten Kosmos trägt, erhält und stets aufs Neue belebt.
Wir alle, sollten wir nicht mit tragen durch unser Verhalten, durch unsere Lebensweise? Auf uns M e n s c h e n kommt es allein an, die Zukunft lebenswert zu gestalten, auch für nachfolgende Generationen! Wer wollte das je bezweifeln?

Es grüßt Sie und Euch herzlich,- gewiss mal reichlich ernst, doch ebenso zuversichtlich
Pfarrerin Bia Ritter